In Rimella wohnen im Winter etwa 60 Einwohner und im Sommer etwa 130. Von diesen verstehen derzeit noch etwa 50 das Tüttschu von Rimella. Der uralte Walserdialekt wird nur noch von etwa 20 bis 30 älteren Leuten aktiv gesprochen, und das auch nur bei besonderen Gelegenheiten. Ada, Anna, Annetta, Augusto, Aurelia, Benvenuto, Costantin, Dino, Donato, Elda, Eugenio, Felice, Firmino, Franco, Gelindo, Giggi, Luigina, Maria, Nando, Ornella, Piera, Renzo und Ugo sind die allerletzten. Nach ihnen, also spätestens 2030, wird das dann rund 800 Jahre alte Tüttschu von Rimella endgültig tot sein: ein großer persönlicher Verlust, denn gerade auch für uns Urschwaben war es ein echt hautnaher Dialekt und Anlaß zu jahrelangen Diskussionen mit den Einheimischen und stundenlangen Lachkrämpfen!
Tüttschu wird jetzt bestenfalls noch zum Spaß in die laufende Unterhaltung eingebaut, und es wird dadurch für Eingeweihte zu einer recht lustigen Geheimsprache, die weder Deutsche noch Italiener noch Schweizer verstehen: "Visto murbende?" fragen die Jäger, wenn man vom Altemberg herunterkommt. "I heg gschi venf, nel Schäffers Loch." "Cosa tränksch?" folgt sofort. "Dammi es glasch wi" ist die normale Antwort. "Dove gangeder" fragt man die Leute, die aufbrechen. " 'ndumma schlafo" sagen sie, wenn man von der Bar nach Hause geht. "Enz batt. Zer machu es murbendu!"
Die alltägliche Umgangssprache ist eine Variante des Piemontesischen, nämlich der lokale Dialekt des Sesiatals, den die arroganten Mailänder oder gar die ungeliebten Römer naturgemäß null kapieren, und das ist gut so: " 'ndumma sü? Wabäng aluuhr. Prendumma'l pull' dla undäsch z'Fubäl!" Wegen der geographischen Nähe tönt der nordpiemontesische Dialekt natürlich sehr ähnlich dem Tessiner Dialekt mit seinen typischen ö und ü.
Merkwürdigerweise tönen viele Tüttschu-Worte wie das Schwäbische, so wie es bei uns hier in Tübingen gesprochen wird. Natürlich sprechen auch wir im Alltag unseren lokalen Dialekt und ist das sogenannte "Hoch"deutsch aus der 500 Kilometer entfernten (meglio così ...) Preußischen Tiefebene oder woißdrdeiflwohäär für uns genauso eine gnadenlos ausdruckslose, sterbenslangweilige und voll verkrampfte Fremdsprache aus Flachdeutschland wie für einen Rimellese das sogenannte "Standard"-Italienisch aus dem gottseidank 800 Kilometer entfernten Rom: letzteres ist bestenfalls begrinsenswert. Uns geht es also haargenau so wie dem Herrn Giacometti aus der schönen Schweiz hier: "Wenn ich will, kann ich gut Hochdeutsch sprechen - aber wenn ich das tue, verfalle ich jeweils automatisch in die Parodie. Alles, was ich dann sage, ist ironisch gemeint. Ernsthaft Hochdeutsch sprechen geht nicht - das klingt einfach zu doof. Man will sich ja einen gewissen Selbstrespekt bewahren. Nicht weil es 'schlecht' klingt, sondern weil das nicht ICH bin. Gleichzeitig spreche ich mit Genuss andere Fremdsprachen, und wie mir oft bestätigt wird, auch mit einem gewissen Talent, was die Aussprache und Intonation betrifft." Ecco! Meglio schpallu Italiano di Prussiano!
Das Wallisertitsch wird in BERGE 5/2004 recht gut beschrieben, und die "Folgen der Lautverschiebung" lassen sich deckungsgleich auf das Schwäbische übertragen. Auch Johannes Führer schreibt in seinem neuen Buch über die Südwalser auf Seite 100: "Schott, der erste Walserforscher, berichtet 1842, daß er aufgrund seiner württembergischen Herkunft den Walserdialekt in der Regel gut verstehen konnte." Die Ähnlichkeit der beiden Dialekte ist fallweise derart verblüffend, daß wir die folgenden Beispiele in der Reihenfolge Tüttschu - Schwäbisch - Flachdeutsch - Italienisch aufführen:
| Tüttschu | Schwäbisch | Flachdeutsch | Italienisch |
|---|---|---|---|
| Tüttschu delle teste quadrate lassü in muntagn' | Svevo delle teste quadrate lassülle colling d'otroalpe | Tedesco dei terrung prüssiani lagü in pianüüra | Italiano delle teste ronde lagü in pianüüra |
| Ai | Oi | Ei | uovo |
| asseder | ässeder | eßt iah | mangiate |
| assu | ässa | essen | mangiare |
| Chie | Kieh | Kühe | mucche |
| danüf | danuff | da hinauf | li sopra |
| du gescht ne ts Biöch | du geischne s Buech | du gibst ihnen das Buch | tu gli dai il libro |
| Durscht | Durscht | Duast | sete |
| es isch dreju | es isch dreje | es ist drei Uhr | sono le tre |
| Faffu | Pfaff | Farra | parroco |
| Faschper | Fäschper | Fespa | vespro |
| fenf | fenf | fünf | cinque |
| Fenschtunguvirtaga | Pfengschdfeierdich | Fingsten | pentecoste |
| ga | gau | gehen | andare |
| ga zum Tival | gang zom Deifl | geh zum Teufel | va al diavolo |
| Gaisuhert | Gaisahirt | Ziegenhiate | pastore di capre |
| gangeder | gangeder | geht iah | andate |
| Gotte | Gotte | Patin | madrina |
| griezu | griesse | grüßen | salutare |
| gschuffus wene Chazza | gsoffe wiana Katz | besoffen wie eine Katze | ubriaco come un gatto |
| haglu | hagle | hageln | grandinare |
| Hai | Hai | Heu | fieno |
| hant kit | hent ket | haben gehabt | hanno avuto |
| helfmer! | helfmer! | hilf miah! | aiutami! |
| hender | hender | hinta | dietro |
| Hubal | Hubbel | Hügel | collina |
| huppu | hopfa | hüpfen | saltare |
| ich chomu em Zischtag | i komm em Zischdech | ich komme am Dienstach | vengo al martedì |
| ich gebberas | i gäbbres | ich gebe es iah | gliela do |
| kukke | gukke | schauen | guardare |
| la | lau | lassen | lasciare |
| Lit | Leit | Leute | gente |
| Ma | Mo | Mann | uomo |
| Maischter | Maischder | Meista | maestro |
| Mangal | Mangel | Mangel | mancanza |
| Mart | Märt | Markt | mercato |
| Mattraz | Mattraz | Matratze | materasso |
| miets | miat | müde | stanco |
| miets wenen Hund | miat wianan Hund | müde wie ein Hund | stanco come un cane |
| na | no | dann | poi |
| naschprengu | naschprenge | hingehen | inseguire |
| Nascht | Näscht | Nest | nido |
| Rägu | Räga | Regen | pioggia |
| Schaich | Saich | Urin | urina |
| Schaifete | Soifete | Einseifen | insaponare |
| schekchu üf en du Regunbodu | schiffa uffen Rägaboga | auf einen Regenbogen pinkeln | urinare sull'arcobaleno |
| schmezzu | schmeißa | werfen | gettare |
| Schmakch | Gschmak | Geruch | odore |
| Schnakku | Schnäck | Schnecke | lumaca |
| Schpass | Schpaß | Spaß | scherzo |
| schtenneder | schtehnder | steht iah | state |
| Schtigu | Schteig | Aufstiech | salita |
| schturus wenen Bokch | schtur wianan Bock | stur wie ein Bock | sordo come una campana |
| Tir | Tir | Türe | porta |
| trenchscht | tränksch | trinkst du | bevi |
| üfschta | uffschtau | aufstehen | levarsi |
| under | under | unta | sotto |
| vergrobe | vergrobe | vergraben | seppellire |
| Wald | Wald | Wald | selva |
| Weeg | Wäg | Weech | sentiero |
| Wirter | Werter | Woahte | parole |
| zaichu | zoige | zeigen | mostrare |
Paolo Sibilla schreibt in seinem Werk Die ethnische Minderheit der Walser in den nordwestlichen italienischen Alpen: "Die Walser, eine im 13. Jahrhundert nach Italien eingewanderte, heute dort noch etwa 6000 Mitglieder zählende ethnische Gruppe, deren Dialekt dem Althochdeutschen sehr ähnlich ist, leben in abgeschiedenen Alpentälern. Sie zeichnen sich in vom Tourismus unberührten Gebieten bis heute durch extreme Verschlossenheit gegenüber Fremden aus, ausserhalb ihrer Dorfgemeinde unterhalten sie kaum soziale Kontakte. Selbst innerhalb einer Gemeinde neigen Nachbarschaften (Familiengruppen) und heute verstärkt auch einzelne Familien zur Partikularisierung; solche gemeinschaftssprengenden Tendenzen müssen jedoch überwunden werden, um die Existenz in einer feindlichen hochalpinen Natur zu ermöglichen. Zum Zweck gegenseitiger Hilfe haben die Walser eine Sozialorganisation entwickelt."
Eine witzige Beschreibung einer Wanderung bei den Südwalsern im Piemont stammt von einem Amerikomiker bei Amazon: "Unterwegs auf Walserpfaden - ein Wanderbuch von Kurt Wanner. We bought this book in Splügen at a Walser bookstore in 1994, hiking with tent from Maloja to Safiental and beyond. We used the book extensively on foot in Graubünden, Tessin, and Piemonte. I took xerox copies of the village and path description with me in 8/98 when I followed the eastern starting point of the GTA, just an old Walser trail, from Campello Monti (where farmers were making cheese) to Gressony (where shopkeepers were living off tourists). I reached C. Monti by hitchhiking upward on a burning hot afternoon from Omegna. Was picked up by a wild-driving physics student ¦¦Matteo vom Albergo Leone in Forno, der natürlich alle Kurven im Schlaf kennt - JK¦¦ and his girlfriend. On the way to Rimella I saw beautiful, large old Alm settlements in the distance that had been revived ¦¦Alpe Pianello - JK¦¦, passed two young girls walking upward to one with a Kraxe ¦¦Anna und Elena - JK¦¦. In Rimella/Remalju, I spoke my brand of German with the Walser-speaking older women in front of the grocery store ¦¦Piera und Basilia Rinoldi - JK¦¦, which doubles as a Walser bookshop ¦¦Bar Monte Càpio - JK¦¦.
Eine Seite aus dem wertvollen Album des ehemaligen Albergo Monte Càpio vom September 1961, das mangels Gästen wenige Jahre später für immer den Hotelbetrieb einstellte. Ein zwölfjähriges Mädchen aus Mailand malte und schrieb: "Es lebe Rimella, das sehr schön ist, mit dem Schnitzel mit Spiegelei, das ich gerne esse jeden Mittag, wenn ich von der Wanderung zurückkomme." Vorne die große Kirche, dahinter die gegenüberliegende Talseite mit Roncaccio und der Alpe La Res, GTA-Etappe 4. Fotografiert mit freundlicher Genehmigung von Piera Rinoldi, 5. Mai 2005, 1051.
There is a very nice hotel there with a picture of Voltaire hanging on the wall ¦¦Albergo Fontana - JK¦¦. All villages and Alms in the region have signs giving the names in both Italian and Walser. Further west, aside from Alagna and Gressony which are touristic and teach some Walsertietsch in the schools, the language has died out in those parts, although one has no trouble identifying the typical Walser log houses in most villages along the way..
Why be curious about the Walser? Well, for one thing, if you ignore the settlement of North America (which Thomas Jefferson didn't), then the Walser were sort of like the tail end of the Völkerwanderung. Like all Swiss Germans, they're Alemannen, and their language is like a foreign one to me, except that I've visited Walser regions often enough over the years to be able to understand bits and pieces of it. I was able, with a lot of repetition and use of the hands, to communicate with the poet/former school teacher in Formazza, who wrote the poem in the introduction to Wanner's book. She also taught Walser once a week in the local Italian school there.
We first heard about the Walser people in 1/88. We'd gotten bored with skiing after 3 days at Zermatt (we'd driven there only because there was so little snow elsewhere then), and drove over the Simplon Pass to Domodossola looking for adventure. Late in the evening on a cold, snowy day, we looked at the map and saw a road leading up to a dead end preceded by a string of villages ¦¦Valle Anzasca - JK¦¦. And what could be more interesting than a populated high valley!? After we wound up the narrow, steep road for nearly an hour in Cyrano, Cornelia's 2CV Ente, we passed villages where the signs were suddenly in both Italian and some strange old German dialect ¦¦Macugnaga - JK¦¦. We got a room in a private house in Ponte/Zum Stägg, and then walked to the pizzeria, where the München-loving-Wirt, Toni Ferrara, spoke Hochdeutsch, Italian, and Walser, and told us about the migrations. According to him, the Walser settlers of Graubünden and beyond all passed through Formazza/Pomatt, or Mattertal. This was the beginning of curiosity for us. Formazza was the waystation for the last pioneering movement of Germanic peoples within Europe, if you ignore the Mennonites and others who went eastward in the time of Katerina der Grosse.
I tried in late 5/95 to go from Formazza over the Guriner Furka to Bosco Gurin, the only remaining Walser settlement in Tessin, but turned 50 m. beneath the pass on steep, hard snow and gave up, not knowing exactly where was the path leading down on the other side, or if I could find it. I learned a year later, looking upward to the Furka from Bosco Gurin, that the mountain on that side is relatively gentle and that I could have made it down without a path. However, I was carrrying a tent and about 21 kilos and did not trust my footing too much. Earlier in the valley a farmer had tried to explain to me in Walser dialect how to stay out of trouble after the pass, but I understood nearly nothing of what he told me.
In 8/2000 we drove with our young sons to Formazza, parked the car and hiked along another Walser path/GTA starting upward from Cranza, to Rif. Margaroli and onward to Alpe Devero, and Alpe Veglia, passing new Alms along the way. At Alpe Devero, we were all entertained by a nice group of singers from Modena. We came down at S. Domenico. Although that path lies just above Formazza, there was no Walser language along the way.
If you like to explore remote regions on foot, then Wanner's nice book may be just the right thing for you."
Rimella hat seit Ende 2006 keinen Bürgermeister mehr, weil gewisse ein-gebildete und größenwahnsinnige Leute, deren Vorfahren aus Rimella stammen und die seit Jahrzehnten überhaupt nicht mehr im Dorf wohnen, alles kontrollieren und kommandieren wollen und sich zerstritten haben: die italienweite typische Arroganz der unwissenden Großstädter aus der tumben Tiefebene gegenüber den "dummen" Bergbewohnern plus die übliche Dosis Korruption aus Bologna und Umgebung. Kein Witz: die Gemeinde wird derzeit verwaltet von einem Kommissar, der aus Sizilien stammt und der deshalb auf diesen politischen Kindergarten keine Rücksicht zu nehmen braucht. Laut Gesetz ist Rimella zweisprachig, und erst jetzt - mit einem von der Provinzregierung in Vercelli eingesetzten sizilianischen Kommissar! - sieht man tatsächlich zweisprachige amtliche Schreiben ... 10. Mai 2007, 2001.
Jörg Klingenfuss
Initiative Pro Rimella
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